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So wirken Arbeitsräume auf die Psyche

In dieser Episode lernen Sie, wie Arbeitsräume auf die Psyche von Beschäftigten wirken. Nach dieser Episode werden Sie ganz sicher mit anderen Augen durch Büros, Labore und Produktionsräume gehen.

Ich zeige Ihnen heute 4 Einflussfaktoren, wie Arbeitsräume auf die Psyche von Beschäftigten wirken. Diese 4 Faktoren kann man sich in wirklich JEDEM Raum anschauen - egal ob Büro, Lager, Produktionshalle oder Verkaufsraum.

Vorher noch kurz eine Info:

Wenn Sie diesen Podcast in der Woche der Veröffentlichung hören, dann nehmen Sie hoffentlich gerade am Online-Kongress für Pioniere der Prävention teil!

Morgen gibt es einen tollen Vortrag von Josephine Prokop darüber, wie man mehr Präventionskultur erzeugen kann durch firmeninterne Kampagnen. Sie entwickelt mit ihrer Designagentur selbst solche Präventionskampagnen und wird uns da einige Tricks verraten. Heute gibt es hier in dieser Podcast-Episode schon einen Tipp von Josephine Prokop, nämlich was zu beachten ist, wenn man eine betriebsinterne Präventionskampagne plant. Ich freue mich, wenn Sie morgen mit dabei sind!

Für alle, die diese Episode später anhören: Alle Mitglieder der Online-Akademie für Pioniere der Prävention finden die Aufzeichnung in der Bibliothek. Dort sind ja unter anderem alle Kongressvorträge seit 2019 gespeichert.

 

Aber zurück zu unserem heutigen Thema:

Während meines Studiums war es ein kleines Hobby von mir immer wieder die Flohmärkte von den Uni-Bibliotheken zu durchstöbern. Für mich war es spannend, ältere Bücher - nicht zum Lernen für Prüfungen, sondern um meinen Horizont zu erweitern – zu kaufen.

Einmal ist mir ein Buch über Wohnpsychologie in die Hände gefallen. Darin waren interessante Beispiele inkl. Grundrisse von Wohnungen und psychologische Analysen, wie sich die Anordnung von Räumen auswirkt auf das Familienleben (z.B. Entfernung von Küche zu Wohnzimmer). Da habe ich gelernt, dass allein die Anordnung von Räumen ein bestimmtes Verhalten auslösen und damit Konflikte erzeugen kann.

Das hat mich sensibilisiert. In meinen eigenen Wohnumgebungen, in meiner Familie und auch bei Freunden habe ich darauf geachtet, wie die Räume angeordnet sind. Später habe ich dann eben auch die Arbeitsräume meiner KundInnen mit der architekturpsychologischen Brille angeschaut. Das führt automatisch auch zu verhältnisbezogenen Maßnahmen, wenn man Räume verändern möchte.

In meinen Augen ist es extrem wichtig, sich als PräventionsexpertIn damit zu befassen, welchen Einfluss Räume auf die Beschäftigten haben können. Denn sonst kann es leicht sein, dass man Maßnahmen empfiehlt, die am Kern vom Stress oder von schlechter Gesundheit vorbei gehen. Dass ich sozusagen in einem kalten Raum warmen Tee verteile, statt die Heizung aufzudrehen.

 

4 Einflussfaktoren, wie Arbeitsräume auf die Psyche wirken können:

1. Raumanordnung

Hören Sie sich gerne das ausführliche Beispiel eines Produktionsunternehmens mit suboptimaler Raumaufteilung und Veränderung der Raumanordnung an.

2. Ausstattung vom Raum

Ein großes Thema, das bei meinen KundInnen immer wieder vorkommt, ist die Akustik. Die Raumausstattung hat natürlich einen großen Einfluss auf die Akustik.

Beispiel: Schalterbereich von Physiozentrum

Die Beschäftigten haben mir hier erzählt (und ich habe es natürlich auch selbst gesehen), dass das ein sehr großer Raum ist und i.d.R. warten hier viele Menschen und es entsteht ein hoher Lärmpegel. Gleichzeitig ist der Raum sehr nüchtern gestaltet (viele, kahle Wände) und es hallt extrem. Zusätzlich läuft noch ein Radio im Hintergrund über Lautsprecher an der Decke. Dieses Radio war im gesamten Zentrum gleich (sowohl im Schalterbereich als auch im Therapiebereich). Es ist nicht getrennt regelbar. Im Physiotherapie-Bereich finden das die PatientInnen ganz angenehm. Aber im Schalterbereich, wo MitarbeiterInnen sitzen, die das Telefon abheben, war das eine akustische Mehrbelastung. Diese MitarbeiterInnen waren durch die Mischung (Hall, Lärm durch Wartende, Radio) sehr gestresst.

3. Temperatur

Die Temperatur hat Einfluss auf die Konzentration und die Leistungsfähigkeit. Das kennt man ja auch von sich selbst. Zum Beispiel schwitzt man im Sommer vor sich hin, auch wenn man im Büro sitzt und sich körperlich nicht so anstrengt. Da versuche ich selbst auch, eher in der Früh zu arbeiten.

Studien belegen, dass Hitze Einbußen auf körperliche und geistige Funktionen mit sich bringt und somit die Qualität unserer Arbeitsleistung erheblich beeinträchtigt.

Zum Beispiel fanden Pilcher, Nadler & Busch (2010) heraus, dass ab einer Raumtemperatur von 26,67°C die Aufmerksamkeit um knappe 15 % sinkt. Die besten Voraussetzungen für eine optimale kognitive Leistungsfähigkeit sind bei einer Temperatur von 18,28°C bis 21,11°C gegeben.

Die Studien sagen auch, wenn die Temperatur über 30°C steigt, dann hat man einen Leistungsabfall bis zu 25 % und wenn sie über 35°C steigt, dann hat man einen Leistungsabfall bis zu 50 %.

Das ist natürlich gerade auch ein Problem bei Arbeitsplätzen im Freien (z.B. Bauarbeiter). Unfälle können die Folge sein. So steigen zum Beispiel die Unfallraten allein im Monat Juli um 10 % zum Jahresvergleich an.

Es gibt aber natürlich auch noch den Einfluss der Temperatur bei Kälte. Wenn man friert, wenn es sehr kalt ist, dann kann man sich auch schlechter konzentrieren. Ich kenne das von mir selbst, wenn ich im Sommer zu einem Abholmarkt für Grillfleisch fahre. Dort betritt man dann ein Kühlhaus. Da merke ich, dass ich hektisch werde, wenn ich zu wenig anhabe. Und ich kann mich auch schlechter konzentrieren.

 

4. Rückzugsmöglichkeiten

Denken Sie hier beispielsweise an Großraumbüros. Die Leute bauen dann andere Abgrenzungen durch Kopfhörer (akustischer Rückzug), hohe Pflanzen, Pinnwände, Aktenordner, ... Diese Rückzugsmöglichkeiten sind wichtig, um sich zu konzentrieren. Viele Leute, die jetzt während der Pandemie ins Homeoffice gewechselt sind, sagen: Konzentrierte Einzelarbeit funktioniert zu Hause besser als im Büro, weil man nicht gestört wird.

Es gab auch eine Deloitte-Studie mit 300 Unternehmensvertretungen (Mai 2020), wo gefragt wurde, ob Einzelarbeit besser funktioniert: 80 % sagten, es funktioniert zu Hause deutlich besser.

Ein Beispiel aus einem meiner Workshops:

Eine Pharmafirma ist umgezogen und es gab dort dann Großraumbüros (vorher: klassische Einzel-/Zweierbüros). Auch die Führungskräfte saßen dann im Großraumbüro. Diese erzählten mir im Workshop, dass das für sie extrem schwierig ist, weil sie keine informellen vertraulichen Gespräche mehr führen können. Sie müssen dafür offiziell ein Besprechungszimmer buchen und das ist mühsam. Und alle anderen Beschäftigten sehen dann auch, dass ein Gespräch geführt wird (Besprechungszimmer in der Mitte des Großraumbüros angelegt). Schnell und informell war dadurch nicht mehr möglich. Es hatte gleich einen offiziellen Charakter und damit wurden die Feedback-Gespräche weniger geführt.

Wenn Sie das Thema interessiert: Ende Oktober 2021 gibt es den Online-Kongress "Die Soft Skills der Arbeitsräume". Ich werde dort über den Einfluss der Arbeitsumgebung auf die psychischen Belastungen sprechen.

Für alle, die bereits Mitglieder sind bei den Pionieren der Prävention: Hört Euch in der Audio-Bibliothek Episode 43 an. Da geht es um den Erfolgsfaktor Büroeinrichtung. Das ist auch super-spannend in dem Kontext!

Feedback und Fragen an Veronika Jakl:
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Veronika Jakl auf LinkedIn:
Hier geht es zur Online-Akademie "Pioniere der Prävention":
Veronika Jakl

Arbeitspsychologin, Autorin und Vorstandsvorsitzende des Fachforums für Arbeits-, Organisations- und Wirtschaftspsychologie.

Begleitet seit 10 Jahren Organisationen dabei motivierende Arbeitsbedingungen zu schaffen und psychische Belastungen zu reduzieren. 
Unterstützt PräventionsexpertInnen, die etwas bewegen wollen.

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