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HRweb.at: Welchen Einfluss hat die Psyche auf Rückenschmerzen?

Von 2020 bis 2022 läuft die Kampagne der EU-OSHA namens "Gesunde Arbeitsplätze entlasten dich" mit dem Ziel, die Aufmerksamkeit für Muskel- und Skeletterkrankungen in der Arbeitswelt zu erhöhen. Als Arbeitspsychologin interessiert mich natürlich vor allem die Verknüpfung mit der Psyche.

Ein Artikel in "HRweb.at" von Veronika Jakl, erschienen am 28.06.2021

Denn jeder von uns kennt das wahrscheinlich: Wenn man Rückenschmerzen hat, ist man schlecht drauf. Aber geht das auch umgekehrt? Welchen Einfluss haben unsere Psyche und die psychischen Arbeitsbedingungen auf unser Muskel-Skelett-System?

Ich zeige Ihnen die Zusammenhänge, damit Sie in Zukunft Beschäftigte und Führungskräfte ganzheitlicher beraten können.

2013 habe ich meine IT-Firma gegründet. Wir standen kurz vor der ersten Produkt-Präsentation vor potentiellen Kunden bei uns im Büro. Und was war los? Ich hatte einen komplett steifen Nacken! Ich konnte meinen Kopf gar nicht mehr drehen und bewegen. 3 Tage später klangen die Schmerzen langsam von ganz alleine wieder ab.

So ein Erlebnis habe ich bisher zwei Mal in meinem Leben gehabt. Und es war immer in Zeiten von großem Stress! Das zeigt mir persönlich ganz deutlich meinen eigenen Zusammenhang von Stress als Auslöser von Nacken- und Schulterschmerzen.

Weshalb ist das Thema wichtig?

Für Fachkräfte in der betrieblichen Prävention ist es wichtig, dass wir solche Phänomene nicht nur einseitig betrachten.

Wenn Beschäftigte über Zugluft und einen steifen Nacken klagen und gleichzeitig sitzt hinten ihnen die Chefin mit freiem Blick auf Bildschirm, dann wird ein ergonomisch eingestellter Bildschirm das Problem wohl nicht lösen!

Ziehen Sie deshalb auch immer andere Einflussfaktoren dafür ein Betracht.

Was sind überhaupt Muskel-Skelett-Erkrankungen (MSE)?

Diese treten hauptsächlich im Bereich des Rückens, des Nackens, der Schultern und der oberen, aber auch der unteren Gliedmaßen auf.

Sie gehen von geringfügigen Schmerzen bis hin zu schweren Erkrankungen, die eine Freistellung oder medizinische Behandlung erfordern.

In der Regel lassen sich MSE nicht auf eine einzelne Ursache zurückführen. Drei verschiedene Faktoren lassen sich hier unterscheiden:

  1. Physische Faktoren wie Heben & Tragen von schweren Gegenständen
  2. Individuelle Risikofaktoren wie Krankheitsvorgeschichte, Gewicht, körperliche Bewegung und so weiter
  3. Psychische Faktoren

Haben psychische Belastungen auch einen Einfluss auf unser Muskel-Skelett-System? Wenn ja, welchen?

Ja, viele von uns kennen möglicherweise Verspannungen wie einen steifen Nacken, wenn man sich gestresst fühlt.

Und es gibt einige Metaanalysen (zB Lang, Ochsmann, Kraus und Lang, 2012), die zeigen, welche psychischen Arbeitsbedingungen (= psychische Belastungen) Auswirkungen auf MSE haben:

  • Überstunden und Schichtarbeit führen zu mehr Rücken- und Kreuzschmerzen
  • Monotone Tätigkeiten führen v.a. zu Problemen im unteren Rückenbereich.
  • Hohe Arbeitsanforderungen
  • Geringer Handlungsspielraum
  • Geringe soziale Unterstützung v.a durch Vorgesetzte führt zu Beschwerden im unteren Rückenbereich und im Schulter-Nacken-Bereich. Noch ist sich die Wissenschaft uneinig, ob es auch einen Zusammenhang gibt mit geringer sozialer Unterstützung von anderen Teammitgliedern.

Wir wissen, dass die Wirkungszusammenhänge mitunter sehr komplex sein können. So steigern eine hohe Arbeitsbelastung in Kombination mit einem geringen Handlungsspielraum die Wahrscheinlichkeit einer Depression. Gleiches gilt auch für mangelnde Anerkennung in Kombination mit hoher Verausgabung (Gratifikationskrise). Die Odds Ratio liegt durchschnittlich bei 1,8. Das bedeutet, dass das Risiko einer Depression auf fast das Doppelte ansteigt.

Dies sind die gleichen Risikofaktoren wie bei Rückenschmerzen. Aber wir wissen auch: wenn Menschen depressiv werden, dann bewegen sie sich weniger und bekommen dadurch noch mehr Rückenschmerzen!

Warum gibt es diesen Zusammenhang zwischen "Stress" und Muskel-Skelett-Erkrankungen?

Stress führt einerseits zu einer höheren Muskelaktivität in Schulter, Nacken & Unterarmen. Dies konnte in einer Laborstudie 2013 nachgewiesen werden und zwar unabhängig davon, um welche Art von Stressoren es sich handelte (kognitiv-emotionale, Zeitdruck, Anforderungen an die Genauigkeit).

Zusätzlich führt Stress auch zu hormonellen Veränderungen.

Wie zum Thema machen in betrieblicher Prävention?

Gleich wie bei den psychischen Belastungen sind auch hier unterschiedliche Ansätze hilfreich:

  1. Statistiken und wissenschaftliche Zusammenhänge kommunizieren
  2. In persönlichen Gesprächen (z.B. "Was könnte Sie davon abhalten, Ihre Bedenken und Symptome vorzubringen? Was könnte Ihr Unternehmen tun, um es Ihnen zu erleichtern, Symptome so früh wie möglich zu melden?")
  3. Organisationsweite Projekte – auch Erhebung von körperlichen Symptomen ("Body Mapping")

Weiters sind hier zu empfehlen:

Die Napo-Filme der EU-OSHA sind großartige Eisbrecher und zeigen das Thema auf humorvolle Weise.

Weiters kann bei Gruppen-Workshops oder Unterweisungen über konkrete Situationen diskutiert werden (z.B. "Welche Arten von MSE könnten dadurch verursacht werden und was könnte getan werden, um dies zu verhindern?") oder auch in Rollenspielen ausprobiert werden. Die EU-OSHA (2019) hat dazu konkrete Gesprächseinstiege über Muskel- und Skeletterkrankungen am Arbeitsplatz herausgebracht.

Fazit

Organisationen sollten nicht nur Yoga und Turnen im Betrieb (Verhaltensprävention) anbieten, sondern sich auch um die psychischen Arbeitsbedingungen kümmern (Verhältnisprävention), wenn sie die MSE bei den Beschäftigten reduzieren wollen!

Denken Sie immer daran: Auch für Führungskräfte ist das Thema nicht leicht! Denn sie haben oft Angst, dass das übergriffig wirkt oder vielleicht wirklich nicht ihr Thema ist. Und genau denen sollten wir helfen, wie sie MSDs bei ihrem Team ansprechen können!

Artikel von Veronika Jakl, erschienen in "HRweb.at" am 28.06.2021

Veronika Jakl

Arbeitspsychologin, Autorin und Vorstandsvorsitzende des Fachforums für Arbeits-, Organisations- und Wirtschaftspsychologie.

Begleitet seit 10 Jahren Organisationen dabei motivierende Arbeitsbedingungen zu schaffen und psychische Belastungen zu reduzieren. 
Unterstützt PräventionsexpertInnen, die etwas bewegen wollen.

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