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Die Macht des Schweigens

Schweigen: Was es bewirken kann und in welchen Situationen Sie es einsetzen sollten.

Die Macht des Schweigens habe ich beim Judo-Kindertraining kennengelernt. Am Anfang gibt es beim Judo immer die "Aufstellung", das ist eine japanische Begrüßung. Die Kinder stellen sich in einer Reihe auf und die TrainerInnen stellen sich gegenüber ebenfalls in einer Reihe auf. Und niemand spricht. Es herrscht Stille. Dann setzt man sich gleichzeitig auf den Boden, verbeugt sich voreinander, steht gleichzeitig auf und dann startet das Training. Das ist ein sehr besinnlicher, ruhiger, konzentrierter Moment, weil wirklich alle in der Halle ruhig sind, auch die Eltern und Geschwister, die zuschauen.

Am Anfang läuft das gerade bei kleineren Kindern komplett anders ab. Sie spielen noch vor dem Training, sie laufen herum und es ist laut. Dann ruft ein Trainer oder eine Trainerin "Aufstellung", aber manchmal ist es zu laut und die Kinder bekommen das gar nicht mit. Oder sie hören es zwar und kommen zusammen, aber werden nicht ruhig. Und da habe ich die Macht des Schweigens kennengelernt. Denn was dann nämlich immer sehr gut funktioniert, ist: Die TrainerInnen setzen sich auf den Boden und warten. Irgendein Kind bekommt das mit und weist die anderen dann zurecht. Und das ist die Macht des Schweigens! Es geht nicht darum, dass man dann noch einmal lauter ruft, sondern meistens ist es viel wirkungsvoller zu schweigen.

Warum mache ich das heute zum Thema? Und was hat das mit Ihnen zu tun? Es geht um das bewusste Einsetzen des Schweigens in der betrieblichen Prävention!

Vielleicht denken Sie jetzt: "Wer schweigt, hat doch nichts zu sagen. Ich will doch eher klug auffallen bei meinen KundInnen." Das stimmt aber nicht! Im Gegenteil: Schweigen ist ein wirksames, billiges Mittel um Aufmerksamkeit zu bekommen und um Leute zu fokussieren. Und dieses Mittel sollten Sie kennen!

Wie man dieses Schweigen in der Beratungstätigkeit ganz bewusst nutzen kann, möchte ich anhand von 4 Situationen zeigen:

1. Schweigen in Workshop oder Meeting nach offener Frage

Viele Menschen bekommen erst dann, wenn man schweigt, mit, dass sie wirklich etwas sagen sollen und dass das keine rhetorische Frage ist.

  • Beispiel 1: Frage "Welche Maßnahme wäre denn hier sinnvoll, Ihrer Meinung nach?" Wenn ich dann sofort weiterspreche und den MitarbeiterInnen Ideen präsentiere, werden die Menschen ruhig und bringen sich nicht entsprechend ein. Und darum macht es Sinn, die Frage zu stellen und zu schweigen und zu warten. Aber das ist manchmal gar nicht so einfach.
  • Beispiel 2: Frage "Was wollen Sie persönlich tun, um auch nach unserem Projekt psychische Belastungen zu reduzieren?" an die Steuerungsgruppe nach einer Abschlusspräsentation einer Gefährdungsbeurteilung psychischer Belastungen. Und niemand hat etwas gesagt. Ich habe dann auch geschwiegen. Und somit habe ich den Ball wieder zurückgespielt an die Steuerungsgruppe. Den TeilnehmerInnen war damit klar, dass das keine rhetorische Frage ist sondern tatsächlich eine Frage, die von ihnen beantwortet werden soll.

Ich habe den Eindruck, dass das Schweigen online in Webinaren noch stärker wirkt! Weil dort häufig durchgeredet wird und es seltener Pausen gibt. Und wenn man hier dann diese Pausen nach offenen Fragen bewusst einsetzt, ist das darum noch einmal deutlich wirkungsvoller.

Wenn länger geschwiegen wird, mache ich manchmal auch einen kleinen Scherz dazwischen (Ich summe eine Dumpdi-dumpdi-Melodie oder ich sage "Ich habe Zeit."), damit klar ist, dass hier von mir nichts mehr kommt und ich tatsächlich gerne eine Antwort hätte. So versuche ich deutlich zu machen, dass der Ball jetzt nicht bei mir liegt.

Während dem Schweigen passiert:

  1. Leute denken nach über die gestellte Frage
  2. Sie nehmen auch meinen Fokus wahr (nämlich, dass ich wirklich auf eine Antwort warte)
  3. Sie schätzen die Gruppendynamik ab (Wer startet? Wer sollte beginnen?)

2. Schweigen als Antwort nach persönlichem Angriff

Schweigen kann auch als Antwort eingesetzt werden. Es kommt immer mal wieder vor, dass z.B. Führungskräfte emotional reagieren. Beispiel: "Was soll das eigentlich? Warum wurde ich nicht eingebunden?"

  • 1. Möglichkeit: Ich, als Beraterin, könnte sofort "zurückschießen" (z.B. "SIE haben das Mail ja nicht gelesen. Das ist doch nicht meine Schuld.") Aber das würde sich dann wahrscheinlich hochschaukeln und für diese Situation nicht hilfreich sein.
  • 2. Möglichkeit: Die viel bessere Möglichkeit ist, eine Pause zu machen, tief durchzuatmen und dem Gegenüber tief in die Augen zu blicken. Einfach abzuwarten. Das spielt den Ball etwas zurück und gibt dem "Angreifer" Raum für nähere Erklärungen (Wieso ist das wichtig? Was will er/sie wirklich wissen?). Das nimmt dem Gegenüber auch Luft raus und beleuchtet den Hintergrund. Und es gibt mir wieder Macht und strahlt Klarheit aus.

3. Mächtig bei Vorträgen

Schweigen ist ein absolut mächtiges Instrument bei Vorträgen. Es fokussiert die ZuhörerInnen. Durch die Pause gibt man auch Zeit zum Verdauen und es verleiht dem Vorangegangenem viel mehr Gewicht. So eine Pause lässt dann auch Menschen hochschrecken, die gedanklich gerade wo anders waren.

4. Schweigen um andere zu motivieren

Sie haben beispielsweise ein Erstgespräch. Dabei ist es wichtig, mehr Fragen zu stellen als Antworten zu geben. Viele Schweigeminuten von Ihrer Seite sind daher vorteilhaft. Versuchen Sie durch offene Fragen die TeilnehmerInnen ins Reden zu bekommen, damit Sie erfahren, was sich Ihr Gegenüber denkt oder gerne hätte, welche Bedürfnisse die GesprächsparterInnen im Hinterkopf haben, welche Erfahrungen sie bereits mit dem Thema gemacht haben etc.

Und dazu setzte ich eben sehr gerne offene Fragen ein und schweige dann. Eine offene Frage kann z.B. lauten: "Was brauchen Sie?" Oder: "Wie wollen Sie mit mir arbeiten?" Und danach bin ich ruhig und lasse die Leute reden, damit diese über ihre eigene Situation und ihre eigenen Bedürfnisse sprechen können und ich das somit erfahren darf. Und das kann man dann verwenden, um in die motivierende Gesprächsführung zu gehen.

Als Übung können Sie versuchen, demnächst mindestens einmal ein 3-sekündiges Schweigen bewusst in einem Gespräch einzusetzen, als Antwort oder als Fokussierung. Egal ob privat oder beruflich: Testen Sie einfach die Wirkung und die Reaktion.

Schreiben Sie gerne ein Kommentar! Oder schauen Sie vorbei in der Online-Akademie für Pioniere der Prävention - www.pionierederpraevention.com - wenn Sie sich mit mir austauschen wollen, z.B. wie Sie das Schweigen noch bewusster einsetzen können.

Feedback und Fragen an Veronika Jakl:
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Veronika Jakl

Arbeitspsychologin, Autorin und Vorstandsvorsitzende des Fachforums für Arbeits-, Organisations- und Wirtschaftspsychologie.

Begleitet seit 10 Jahren Organisationen dabei motivierende Arbeitsbedingungen zu schaffen und psychische Belastungen zu reduzieren. 
Unterstützt PräventionsexpertInnen, die etwas bewegen wollen.

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