Unsere reiche Cousine Schweiz - Kulturelle Besonderheiten
Kulturelle Besonderheiten der Präventionsarbeit in der Schweiz
Anfang Juni hatte ich das Vergnügen, die Messe "Arbeitssicherheit Schweiz" in Zürich zu besuchen und dort eine Keynote über bedürfnisorientiertes Motivieren zu halten. Dieser Besuch bot eine wunderbare Gelegenheit, tiefer in die kulturellen Besonderheiten der Präventionsarbeit in der Schweiz einzutauchen.
Bereits im Vorfeld der Messe hatte ich immer wieder Kontakt zu Schweizer Kolleginnen und Kollegen in der Online-Akademie und bei Lehrgängen. Doch diesmal wollte ich genauer wissen, worauf man bei der Präventionsarbeit in der Schweiz besonders achten muss. Welche spezifischen Herausforderungen gibt es, und lassen sich internationale Präventionsstrategien problemlos übertragen?
Die Vielfalt der Schweizer Präventionskultur
Eine meiner ersten Gesprächspartnerinnen war Valena Frey von der SUVA. Sie betonte die kleinere, überschaubarere Struktur der Schweiz und die Vorteile, die daraus entstehen: "Man kennt sich auch in der Branche, das ist schon auch ein Vorteil", sagte sie. Diese persönliche Note scheint ein wesentlicher Bestandteil der schweizerischen Präventionskultur zu sein.
Christian Lüthi, Leiter des Ausbildungsinstituts SIOP, sprach über die Flexibilität und den pragmatischen Ansatz in der Schweiz. Er erklärte: "Mein Verständnis ist, dass alle Beteiligten das Ziel haben, Unfälle zu vermeiden und möglichst keine Ausfalltage zu haben. Es gibt nicht nur eine Lösung, sondern viele." Diese Offenheit für verschiedene Ansätze ist sicherlich ein weiterer Vorteil der Präventionsarbeit in der Schweiz.
Kompromissbereitschaft und Zuhören
Marcel Mayer, ein Sicherheitsfachmann mit besonderem Schwerpunkt auf den Bausektor, hob die Bedeutung der Kompromissbereitschaft und des Zuhörens hervor: "Man muss mit Überzeugungskraft arbeiten und auch zuhören. Das ist wichtig in der Arbeitssicherheit, weil es viele offene Projekte gibt, die noch nicht kommuniziert wurden", erklärte er. Diese Herangehensweise unterstreicht die Bedeutung einer kooperativen und kommunikativen Kultur.
Basisdemokratie und Meinungsvielfalt
Ein weiterer interessanter Aspekt, den Alexander Petsch vom HRM Institute betonte, ist die basisdemokratische Kultur in der Schweiz. "Ein kultureller Unterschied, den ich wahrnehme, ist das Thema der Meinungsintegration. Die Schweiz hat eine Kultur, in der viele Dinge basisdemokratisch diskutiert und entschieden werden. Das führt zu einer höheren Akzeptanz und zeigt sich auch in der Arbeitssicherheit", erläuterte er.
Die Herausforderung der Kleinteiligkeit
Eine besondere Herausforderung stellt die Kleinteiligkeit der Verwaltung dar, wie Andreas Mayer, Ausbildungsleiter vom Institut MIT Sicherheit, betonte. Die verschiedenen kantonalen Regelungen und die sprachliche Vielfalt erfordern eine hohe Anpassungsfähigkeit. Diese "Kleingarten-Mentalität", wie sie von Inglina Keller von der SUVA genannt wird, macht die Präventionsarbeit in der Schweiz einzigartig, aber auch anspruchsvoll.
Fazit
Zusammenfassend lässt sich sagen, dass die Präventionsarbeit in der Schweiz durch eine besondere Kombination aus Pragmatismus, Flexibilität, Kompromissbereitschaft und basisdemokratischer Kultur geprägt ist. Diese kulturellen Besonderheiten müssen berücksichtigt werden, um erfolgreiche Präventionsstrategien zu entwickeln und umzusetzen.
Veronika Jakl
Arbeitspsychologin, Autorin ("Aktiv führen") und Gastgeberin bei den "Pionieren der Prävention".
Begleitet seit 12 Jahren Organisationen dabei motivierende Arbeitsbedingungen zu schaffen und psychische Belastungen zu reduzieren.
Unterstützt PräventionsexpertInnen, die wirklich etwas bewegen wollen.
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