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Welchen Einfluss hat Psyche auf Rückenschmerzen?

Welchen Einfluss hat unsere Psyche und die psychischen Arbeitsbedingungen auf unser Muskel-Skelett-System? Und wie können Sie das in der Prävention zum Thema machen?

Von 2020 bis 2022 läuft die Kampagne der EU-OSHA namens "Gesunde Arbeitsplätze entlasten dich". Meine Online-Akademie "Pioniere der Prävention" ist  Kampagnenpartner. In diesem Kontext haben wir uns verpflichtet, die Aufmerksamkeit für Muskel- und Skeletterkrankungen in der Arbeitswelt zu erhöhen. Das ist nun eine von mehreren Aktionen. Und weil ich Arbeitspsychologin bin, wird das Thema mit der Psyche verknüpft.

Jeder von uns kennt das: Wenn man Rückenschmerzen hat, ist man schlecht drauf. Aber geht das auch umgekehrt? Welchen Einfluss hat denn unsere Psyche und die psychischen Arbeitsbedingungen auf unser Muskel-Skelett-System? Ich zeige Ihnen die Zusammenhänge, damit Sie in Zukunft ganzheitlicher beraten können in der betrieblichen Prävention.

Meine Erfahrung:
2013 habe ich eine zweite Firma, eine IT-Firma, gegründet. Das war natürlich eine große Aufregung (Rechtliches, Entwicklung IT-Struktur, …). Als es abgeschlossen war, haben wir dann eine Präsentation vor potentiellen KundInnen bei uns im Büro gemacht. Und es war wie verhext: Je näher dieser Termin gekommen ist, desto mehr hat sich mein Nacken versteift. Am Tag der Präsentation war der Nacken so steif, dass ich mein Genick überhaupt nicht mehr bewegen konnte. Das war sehr schmerzhaft. In den 3 Tagen nach der Präsentation, die gut gelaufen ist, sind die Beschwerden allerdings langsam wieder abgeklungen. Ich habe das bisher in meinem Leben zweimal gehabt, und das war immer in Zeiten von extrem großem Stress! Und das hat mir gezeigt, dass mein Nacken sehr sensibel reagiert und dieser ein großer Anzeiger für Stress ist.

 

Warum ist das Thema wichtig?

Für uns PräventionsexpertInnen ist es wichtig, dass wir über den eigenen Tellerrand schauen, dass wir nicht nur einseitig betrachten.

Wenn beispielsweise Beschäftigte über Zugluft und einen steifen Nacken klagen und gleichzeitig hinter ihnen die Chefin sitzt, mit freiem Blick auf den Bildschirm dieser MitarbeiterInnen, dann wird ein ergonomisch eingestellter Bildschirm das Problem wahrscheinlich nicht lösen! Daher ist es wichtig, dass wir immer auch andere Ursachen in Betracht ziehen. Dieser Blogbeitrag bzw. diese Podcast-Episode soll Ihnen helfen, Ihren Blick zu weiten.

 

Was sind Muskel-Skelett-Erkrankungen?

Diese treten hauptsächlich im Bereich des Rückens, des Nackens, der Schultern und der oberen, aber auch der unteren Gliedmaßen auf. Die Bandbreite reicht von geringfügigen Schmerzen bis hin zu schweren Erkrankungen, die eine Freistellung oder medizinische Behandlung erfordern.

Einflussfaktoren

In der Regel lassen sich Muskel-Skelett-Erkrankungen nicht auf eine einzelne Ursache zurückzuführen, sondern sind eine Kombination aus:

  1. physischen Faktoren (wie das Heben und Tragen von schweren Gegenständen)
  2. individuellen Risikofaktoren (wie die eigene Krankheitsgeschichte, Gewicht, körperliche Bewegung, ...)
  3. psychischen Faktoren (die hier gleich beleuchtet werden)

 

Hat psychische Belastung auch einen Einfluss auf unser Muskel-Skelett-System? Welchen?

Ja, das wissen wir! Die Wissenschaft hat hier schon sehr viele Längsschnittanalysen, Metaanalysen gemacht. Zum Beispiel haben Menschen, die viele Überstunden machen oder Schichtarbeit haben, mehr Rücken- und Kreuzschmerzen.

Es gibt eine spannende Metaanalyse von verschiedenen Längsschnitt-Studien von Lang, Ochsmann, Kraus und Lang (2012): Es gibt eine erhöhte Wahrscheinlichkeit von Muskulo-skelettalen Beschwerden bei verschiedenen psychischen Belastungen:

  • monotone Tätigkeiten (v.a. Probleme im unteren Rückenbereich)
  • hohe Arbeitsanforderungen
  • geringer Handlungsspielraum

Geringe soziale Unterstützung, v.a. durch Vorgesetzte, führen zu Beschwerden im unteren Rückenbereich und Schulter-Nacken-Bereich. Noch uneinig ist sich die Wissenschaft bei geringer sozialer Unterstützung von KollegInnen.

Warum gibt es einen Zusammenhang zwischen "Stress" und Muskel-Skelett-Erkrankungen?

Stress führt zu

  • höherer Muskelaktivität in Schulter, Nacken und Unterarmen. Es gibt eine spannende Laborstudie aus dem Jahr 2013, wo dies nachgewiesen werden konnte. Unabhängig davon, um welche Art von Stressoren es sich handelte (kognitiv-emotional, Zeitdruck, Anforderungen an die Genauigkeit).
  • hormonellen Veränderungen. Und dies wiederum hat einen Einfluss auf unser Muskel-Skelett-System.

Fazit: Kein Arbeitgeber sollte ein Entspannungs-Turnen bezahlen, wenn das Problem z.B. in Wirklichkeit ist, dass MitarbeiterInnen zu wenig Zeit für ihre Aufgaben haben. Denn die Rückenschmerzen kommen dann vom Zeitdruck.

Komplexe Zusammenhänge - Wirkungen

Es handelt sich um hochkomplexe Zusammenhänge. Wir wissen beispielsweise, dass eine hohe Arbeitsbelastung in Kombination mit geringem Handlungsspielraum die Wahrscheinlichkeit einer Depression deutlich steigert. Nämlich mit einer Odds Ratio von durchschnittlich 1,8. Das bedeutet, dass das Risiko einer Depression auf fast das Doppelte ansteigt. Ein ähnlicher Zusammenhang gilt auch für mangelnde Anerkennung in Kombination mit einer hohen Verausgabung, also einer sogenannten Gratifikationskrise. Auch hier wird die Wahrscheinlichkeit einer Depression auf ungefähr das Doppelte gesteigert.

Mangelnde Anerkennung, geringer Handlungsspielraum und hohe Belastung sind die gleichen Risikofaktoren wie bei Rückenschmerzen. Wir wissen aber auch, dass es folgenden Zusammenhang gibt: wenn depressiv → weniger Bewegung → noch mehr Rückenschmerzen!

Es gibt also ganz viele, komplexe Zusammenhänge zwischen den Risikofaktoren und den Rückenschmerzen!

 

Wie zum Thema machen in der betrieblichen Prävention?

Erinnern Sie sich an den Blogbeitrag bzw. die Podcast-Episode 14 "So machen Sie psychische Belastungen zum Thema"? Da ging es darum, wie man grundsätzlich über psychische Arbeitsbedingungen reden kann. Die 3 verschiedenen Ansatzpunkte zählen auch hier:

  1. Statistiken und wissenschaftliche Zusammenhänge kommunizieren
  2. In persönlichen Gesprächen (z.B. "Was könnte Sie davon abhalten, Ihre Bedenken und Symptome vorzubringen? Was könnte Ihr Unternehmen tun, um es Ihnen zu erleichtern, Symptome so früh wie möglich zu melden?")
  3. Organisationsweite Projekte (auch Erhebung von körperlichen Symptomen ("Body Mapping"))

 Bei körperlichen Symptomen kann man noch zwei weitere Aspekte hinzufügen (im Vergleich zum/r oben genannten Blogbeitrag bzw. Podcast-Episode):

  • Napo-Filme
  • Bei Gruppen-Workshops oder Unterweisungen zum Thema machen: Über konkrete Situationen diskutieren (Zum Beispiel: Welche Arten von Muskel-Skelett-Erkrankungen können z.B. durch psychische Belastungen verursacht werden und was könnte getan werden, um dies zu verhindern?) oder MitarbeiterInnen Rollenspiele ausprobieren lassen. Es gibt Gesprächseinstiege über Muskel- und Skelett-Erkrankungen am Arbeitsplatz von EU-OSHA aus dem Jahr 2019.

 

Nie vergessen

Auch für Führungskräfte ist das Thema nicht leicht! Auch diesen sollten wir dabei helfen, wie sie diese Erkrankungen bei Beschäftigten ansprechen können! Viele Führungskräfte haben oft Angst, dass das übergriffig wirkt oder vielleicht wirklich nicht ihr Thema ist. Wir wissen aber auch, dass Führungskräfte wichtige Multiplikatoren sind. Und wenn diese offen sprechen, z.B. über ihre eigenen Rückenbeschwerden, dann ist das sehr wichtig.

 

Beobachtungsaufgabe: Wann haben Sie denn Rückenschmerzen?

 

Ich möchte noch kurz auf den Online-Kongress "Pioniere der Prävention" im Jahr 2021 hinweisen. Dieser findet wieder Ende August statt (23. - 27.08.2021). Täglich gibt es Inspiration für die betriebliche Prävention: Epilepsie, Long Covid, Zeitmanagement und Diversity. Anmelden können Sie sich gerne unter: www.pionierederpraevention.com/kongress

Für alle, die mehr über psychische Belastungen und deren Auswirkungen lernen wollen: www.PioniereDerPraevention.com – Online-Akademie. Der Mitgliederbereich ist vollgepackt mit Videokursen, Webinaren und einem Forum.

Alles Gute! Und hinterlassen Sie gerne einen Kommentar!

Feedback und Fragen an Veronika Jakl:
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Hier geht es zur Online-Akademie "Pioniere der Prävention":

Veronika Jakl

Arbeitspsychologin, Autorin und Vorstandsvorsitzende des Fachforums für Arbeits-, Organisations- und Wirtschaftspsychologie.

Begleitet seit 10 Jahren Organisationen dabei motivierende Arbeitsbedingungen zu schaffen und psychische Belastungen zu reduzieren. 
Unterstützt PräventionsexpertInnen, die etwas bewegen wollen.

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